Deutscher Gewerkschaftsbund

Regionale Gewerkschaftsgeschichte

Das Gewerkschaftshaus Bautzen

Vom Gasthof zum Vereinshaus

Vorbetrachtung

Schon lange vor dem Ersten Weltkrieg war es ein allgemeines Anliegen der regionalen und örtlichen Gewerkschaftsverbände, sich eigene Heime zu schaffen. Teils durch Umbauten, teils durch Neubauten entstanden reichsweit in den Städten sogenannte "Volkshäuser". In Bautzen schnellten nach der Reichsgründung 1871 die verschiedensten Industrieansiedlungen aus dem Boden: u.a. die Tuchfabrik, eine Brauerei, ein Karosseriewerk, eine Eisengießerei und nicht zu vergessen der "Kupferhammer" und die Papierfabrik.

Das Gewerkschaftskartell

Am 22.August 1896 erfolgte im Gasthaus "Zum goldnen Anker" eine öffentliche Gewerkschaftsversammlung. Man erhoffte sich mit dieser neuen organisatorischen Geschlossenheit eine Stärkung der Position im Arbeitskampf. Es hatte sich nämlich im Mai 1896 gezeigt, dass die Holzarbeiter der Firma Hermann Schmidt & Sohn mit ihrem geschlossenen Auftreten einen mehrwöchigen zähen Arbeitskampf gewinnen konnten. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Stadt- und Landesverwaltung wurde das Kartell nun offiziell als Verein angemeldet. Noch im Dezember 1908 erachtete es der Stadtrat zu Bautzen in einem angeforderten Gutachten an das Königlich-Sächsiche Innenministerium als problematisch, "dass der Verein 'Gewerkschaftskartell' auch zu den die Volkswirtschaft und Sozialpolitik betreffenden Fragen Stellung nehme und dadurch beabsichtige, auf die Gesetzgebung und Verwaltung des Staates einzuwirken, er mithin als poltischer Verein anzusehen sei". Für die gesamte Zeit bis 1918 blieb das Gewerkschaftskartell unter strenger polizeilicher Überwachung.  

"Zum goldnen Anker" - Das erste Vereinslokal

Laut sächsischem Vereinsgesetz hatten auch regelmäßige öffentliche Mitgliederversammlungen zu erfolgen. Sowohl die Gründungsveranstaltung als auch die nachfolgenden Sitzungen hielt man im Gasthof ab. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Bautzen nicht nur zu einer Industriestadt, sondern auch zu dem Verwaltungszentrum für die gesamte Oberlausitz sowie zu einer Garnisonsstadt. Über Gaststätten, die ihre Räume öffentlichtlich für Parteien und Verbände der linksorientierten Arbeiterschaft zur Verfügung stellten, wurden regelmäßig Militärverbote ausgesprochen. Somit wurde es u.a. den in der Stadt stationierten Soldaten offiziell verboten, solche Lokale zu besuchen. Dennoch gab es immer einige Bautzner Gastwirte, die ihre Räume trotz drohender Schließung, zur Verfügung stellten.  

"Büttners Restaurant" - Das erste Sekretariat des Gewerkschaftskartells

Aus unterschiedlichsten Ursachen - sei es wegen Militärverbots oder wegen zu kleiner Räumlichkeiten - änderte sich der Versammlungsort noch mehrmals, bis sich 1905 Karl Büttner verpflichtete, sein Restaurant der Bautzner Arbeiterschaft zur Verfügung zu stellen. Im Dezember 1920 richtete man hier ein Arbeiter-Sekretariat ein, welches hauptsächlich Auskünfte erteilte sowie ein Gewerkschaftsbüro als Koodinationsstelle der Einzelgewerkschaften. 
Gewerkschaftsarbeit im Wandel

Die Suche nach dem Bautzner Volkshaus wurde vom Ersten Weltkrieg unterbrochen, so dass dieses Thema erst nach dem Kriegsende und den reichsweiten Revolutionsunruhen von 1918/19 wieder in den Mittelpunkt gestellt werden konnte. Die Gewerkschaften erhielten mit der Weimarer Reichsverfassung nicht nur ihre rechtliche Legitimierung, sondern gleichzeitig folgte die interne Neugliederung der sozialistischen Arbeitnehmerverbände. Auf dem Nürnberger Kongress der Freien Gewerkschaften 1919 beschloss man die Gründung des "Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes" (ADGB). 

"Gasthof zur goldnen Sonne" - Das Gewerkschaftshaus für Bautzen

Am 1. Juli 1925 konnte endlich das neue Gewerkschaftshaus in der Nordstraße eröffnet werden. Doch bevor das Gebäude sein damaliges und heutiges Aussehen erhielt, wurde es aufwendig umgebaut. Neben der Gastwirtschaft und den Büros des ADGB-Ortsausschusses Bautzen befanden sich im Erdgeschoss ebenfalls die Verwaltungsstellen des Baugewerksbundes, des Deutschen Metallarbeiterverbandes und des Zentralverbandes der Angestellten. Außerdem war dort auch eine sogenannte Volksbücherei untergebracht. In der zweiten Etage des Gebäudes waren weitere Räume der Einzelgewerkschaften untergebracht. In der dritten Etage wohnte die Schneiderin Frau Richter. Das Gebäude beherbergte also neben der Gast- und Hotelwirtschaft "Goldne Sonne" auch noch Wohn- und Gewerberäume.  

Das vorläufige Ende freier Gewerkschaftsarbeit

Mit der Gründung der Deutschen Arbeitsfront am 10.Mai 1933 wurde die "Goldne Sonne" Sitz der nationalsozialistischen Massenorganisation. Der vom Deutschen Reich begonnene Zweite Weltkrieg kehrte schließlich nach Deutschland zurück. Im März 1945 wurde Bautzen erst zur Frontstadt und später im April zur Festung erklärt. Genau vor dem Volkshaus errichtete man aus Pferdewagen, Ziegeln und Steinen eine Panzersperre. Am 7.Mai versuchten Einheiten der Polnischen Armee in die Stadt einzudringen. Dabei gingen mehrere Häuser der Nordstraße in Flammen auf. Das Gewerkschaftshaus blieb jedoch größtenteils unbeschädigt. Bis zum 8.Mai 1945 wurden binnen drei Kriegswochen 30% aller Gebäude und Brücken in Bautzen zerstört.  

Nachkriegszeit

In der Folgezeit stand Bautzen unter sowjetischer Militärverwaltung, die mit Wirkung zum 1.Oktober 1945 das Gewerkschaftsgebäude dem "Freien Deutschen Gewerkschaftsbund" (FDGB) übertrug. Aus Anlass des Sorbischen Volkstreffens im Juli 1950 in Bautzen wurde dann die Nordstraße in Dr.-Maria-Grollmuß-Straße umbenannt.

Mit dem Zusammenbruch der DDR löste sich der FDGB am 14.September 1990 in Berlin ohne großes Aufsehen auf. Auch das FDGB-Sekretariat im Bautzner Gewerkschaftshaus stellte nun endgültig seine Arbeit ein. Mit dem 1.Januar 1991 übernahm der DGB die Räume.

Quelle: Vogel, Sebastian/ Steinberg, Swen: „Aspekte zur Geschichte des Gewerkschaftshauses in Bautzen“, Bautzen 2003, S. 29-38.


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